Bild von Yves Noir

Der Teufel ist immer der andere

Gedanken einer systemischen Therapeutin zum „Zwieblinger Teufel“ auf dem Rathausplatz

8. Okt. 2026 · @Katharina Mittler

Seit dem 4. Oktober steht er mitten in der Altstadt, nur ein paar Schritte vom Marktplatz entfernt: der „Zwieblinger Teufel“ von Tim Bengel, zweieinhalb Meter hoch, ein Geschenk der Sektkellerei Kessler zum Stadtjubiläum 2027. Mehr als 300 Menschen waren bei der Enthüllung dabei, im Netz wurde tausendfach kommentiert. Die Reaktionen reichen von Begeisterung bis Empörung. Und eine Frage taucht immer wieder auf: Warum ausgerechnet der Teufel – und nicht die Marktfrau?

Als systemische Therapeutin interessiert mich weniger, ob die Figur schön ist. Mich interessiert, was sie in uns auslöst. Und was die alte Geschichte, auf die sie verweist, über uns erzählt.

Die Sage – kurz erzählt

Der Legende nach kam eines Tages der Teufel verkleidet auf den Esslinger Markt. Eine Marktfrau erkannte ihn trotzdem – am Pferdefuß und am Schwefelgeruch. Statt eines Apfels reichte sie ihm eine Zwiebel. Er biss hinein, die Tränen schossen ihm in die Augen, und er verließ die Stadt. Seither sind die Esslinger die „Zwiebeln“.

Eine Geschichte von Mut und Witz. Und eine, die man auch ganz anders lesen kann.

Die kluge Frau: eine Geschichte der Emanzipation?

Die Heldin der Sage ist eine Frau. Sie wartet nicht, bis der Rat oder der Pfarrer etwas unternimmt. Sie vertraut ihrer eigenen Wahrnehmung und handelt. Das ist bemerkenswert für eine Erzählung aus dem Mittelalter – und es ist verständlich, dass sich viele genau diese Frau auf dem Sockel gewünscht hätten.

Gleichzeitig bedeutet Emanzipation mehr, als selbst handeln zu dürfen. Sie bedeutet auch, sich von alten Bildern zu lösen – zum Beispiel von dem Bild, wer eigentlich „der Böse“ ist.

Wie schön müsste eine Marktfrau sein?

Viele hätten lieber die Marktfrau auf dem Sockel gesehen. Doch wie hätte sie aussehen müssen? Jung, schlank, makellos – oder so, wie Marktfrauen wirklich waren, mit kräftigen Händen und einem Körper, der gearbeitet hat? Genau diese Frage beschäftigt mich in meinem Projekt „Selbstliebe für Frauen“ mit Lilly Fortuna (Körperarbeit und Ernährung) und Yves Noir (Körperdarstellung): Wer legt eigentlich fest, welcher Körper es wert ist, gezeigt zu werden?

Oft ist der Teufel dabei gar nicht der andere – sondern die kritische innere Stimme vor dem Spiegel.

Vorannahmen: Woran erkennen wir den Teufel?

Die Marktfrau erkennt den Teufel an Merkmalen: am Fuß, am Geruch. In der Sage liegt sie richtig. Im echten Leben ist das selten so einfach.

In der systemischen Arbeit sprechen wir von Vorannahmen. Wir alle haben sie, sie helfen uns, die Welt zu ordnen. Aber sie lenken auch unseren Blick: Wir sehen oft das, was wir zu sehen erwarten. Und die Geschichte zeigt, wie schnell solche „Erkennungsmerkmale“ – ein fremder Geruch, ein anderes Aussehen, eine andere Herkunft – auf Menschen übertragen wurden, die man nicht dabeihaben wollte.

Esslingen war als Reichs- und Handelsstadt immer ein Ort, an dem Fremde ankamen: Händler, Handwerker, Reisende. Die Stadt lebte von ihnen. Und sie wusste zugleich sehr genau, wen sie draußen halten wollte.

Fremde verjagen: das Ende der Geschichte

Die Sage endet mit einer Vertreibung. Es gibt kein Gespräch, keinen Austausch, keine Frage. Der Fremde wird überlistet und verjagt – und die Stadt ist wieder „sauber“.

In meiner Arbeit stelle ich gern zirkuläre Fragen, also Fragen, die den Blickwinkel wechseln. Hier könnte das heißen: Wie würde der Teufel diese Geschichte erzählen? Was wollte er eigentlich auf dem Markt? Was wäre passiert, wenn ihn jemand gefragt hätte?

Das heißt nicht, dass es das Böse nicht gibt. Es heißt nur: Wer nie fragt, erfährt auch nie, ob er richtig liegt.

Der Teufel ist immer der andere

In der Paar- und Familienberatung begegnet mir ein Muster sehr häufig: Das Problem liegt beim anderen. „Wenn er sich nur ändern würde …“, „Wenn sie nicht immer so wäre …“. In Familien gibt es manchmal sogar eine feste Rolle dafür – den Sündenbock. Er entlastet alle anderen, kurzfristig. Langfristig verhindert er, dass sich irgendetwas bewegt.

Gesellschaften funktionieren erstaunlich ähnlich. Solange der Teufel „draußen“ ist, müssen wir uns nicht mit uns selbst beschäftigen.

Vielleicht ist das die eigentliche Provokation von Tim Bengels Entscheidung: Er stellt nicht die Siegerin auf den Platz, sondern den, den wir loswerden wollten. Mitten unter uns. Man kann das als Einladung lesen: Schau ihm in die Augen. Was hat er mit mir zu tun?

Augenhöhe und Austausch

Augenhöhe heißt nicht, alles gutzuheißen. Es heißt, den anderen als Gegenüber ernst zu nehmen, bevor ich urteile. Ein Marktplatz war immer genau dafür da: Menschen kommen zusammen, handeln, verhandeln, streiten und tauschen sich aus.

Ein echter Austausch beginnt allerdings nie von selbst. Er braucht jemanden, der den ersten Schritt macht – und dafür braucht es Mut. Denn wer auf den anderen zugeht, weiß nicht, wo das Gespräch hinführt. Vielleicht kommt man genau dort an, wo man hinwollte. Vielleicht ganz woanders. Vielleicht verändert sich unterwegs sogar die eigene Vorstellung davon, wo man eigentlich hinwill. Diese Ungewissheit auszuhalten, statt sie mit einer schnellen Zwiebel zu beenden, ist vielleicht die größte Leistung, die Begegnung von uns verlangt.

Dass eine Statue so viele Reaktionen auslöst, ist darum eigentlich ein gutes Zeichen. Es wird wieder gesprochen – über Kunst, über Stadtgeschichte, über die Frage, wer wir als Stadt sein wollen.

Freie Kunst darf stören

Tim Bengel ist ein freier Künstler. Und freie Kunst hat nicht die Aufgabe, uns zu gefallen oder eine Stadt hübsch zu bebildern. Sie darf irritieren, Erwartungen enttäuschen und Fragen stellen, die wir uns lieber nicht stellen würden.

In der systemischen Arbeit wissen wir: Systeme verändern sich selten von allein. Es braucht einen Impuls, der nicht ins gewohnte Bild passt – eine kleine, heilsame Verstörung. Genau diese Rolle können freie Künstlerinnen und Künstler für eine Stadtgesellschaft übernehmen. Dass sie das dürfen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist ein Kennzeichen einer offenen, demokratischen Gesellschaft.

Krise als Chance

Aufregung, Empörung, Streit im Netz – das fühlt sich erst einmal nach Krise an. Aus der Paartherapie kenne ich diesen Moment gut: Eine Krise zeigt sich oft genau dann, wenn alte Muster nicht mehr tragen. Und gerade darin liegt die Chance, etwas Neues zu entwickeln.

Esslingen ist ohnehin im Umbruch: Der Marktplatz wird neu gestaltet, das Stadtjubiläum steht vor der Tür. Die Debatte um den Teufel könnte so ein Moment sein. Statt die Aufregung möglichst schnell wieder zu beruhigen, könnten wir sie nutzen – um ehrlich darüber zu sprechen, wie wir als Stadt mit dem Fremden umgehen wollen.

Demokratie braucht Verantwortung

Demokratie lebt davon, dass wir Unterschiede aushalten, ohne Andersdenkende zu verteufeln. Das gilt auch für die Debatte um die Figur selbst. Es ist leicht, den Künstler, die Stadtverwaltung oder „die Nörgler im Netz“ zum Teufel zu erklären.

Augenhöhe gilt auch zwischen Stadt und Bürgerinnen und Bürgern. Kunst im öffentlichen Raum gehört allen, die dort leben. Ein Geschenk, das ohne Gespräch auf den Platz gestellt wird, ist schwer anzunehmen – so gut es gemeint sein mag. Nicht, weil Kunst per Abstimmung entstehen sollte, sondern weil ein echter Austausch vorher zu besseren Ergebnissen führt: Ideen, Bedenken und Geschichten der Menschen fließen ein, und am Ende steht etwas, mit dem sich mehr Menschen identifizieren können. Beteiligung ist kein Hindernis für gute Kunst, sondern eine Form von Respekt.

Verantwortung beginnt dort, wo ich frage: Was ist mein Anteil? Wie spreche ich über die, die anders denken? Und bin ich bereit, meine eigenen Vorannahmen zu überprüfen?

Eine Einladung

Gehen Sie doch einmal vorbei. Bleiben Sie stehen, nehmen Sie sich ein paar Minuten Zeit – und nehmen Sie vielleicht eine dieser Fragen mit:

  • Was löst die Figur in mir aus – und woher kenne ich dieses Gefühl?
  • Wen habe ich zuletzt im Stillen „verteufelt“?
  • Woran mache ich fest, wer für mich fremd ist?
  • Was würde sich verändern, wenn ich fragen würde, statt zu verjagen?

Vielleicht ist der Zwieblinger Teufel am Ende gar keine Warnung vor den anderen. Sondern eine Erinnerung daran, wie schnell wir sie dazu machen.


Katharina Mittler, Beziehungsräume Esslingen – systemische Beratung und Paartherapie. Gemeinsam neue Perspektiven entdecken.

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